earlmobileh

Eine dramatische Komödie

Review: Gears of War 3, Plattform: XBOX360

Veröffentlicht: 17.10.2011 | von: earlmobileh | @earl_mobileh | Rubrik: Games

Das klassische Drama entfaltet sich idealtypisch über fünf Akte. Der Exposition folgt der Aufbau eines wachsenden Konfliktes bis zur Peripetie, der Wendung die dann im fünften Akt eine Lösung des Konfliktes erlaubt. ‚Gears of War 3‘ benutzt dieses altbewährte Narrationsschema im Versuch mit Gears of War 3 eine epische Erzählung zu schreiben. Ist Epic Games der Kunstgriff gelungen oder ist das Spiel unfreiwillig eine Komödie geworden?

Über das Gameplay des letzten Teils der GoW-Serie brauche ich nicht viel zu sagen. Frei nach dem Prinzip ‚if it ain’t broke, don’t fix it‘ haben die Entwickler sich entschieden an den Spielmechaniken absolut gar nichts zu verändern. Für gewöhnlich würde ich diese konservative Designpolitik jetzt anprangern, im Falle von GoW lasse ich aber ausnahmsweise Gnade vor Recht ergehen. Die über die Jahre gereifte und auf Hochglanz polierte Cover-Based-Shooting Mechanik funktioniert reibungslos und macht auch im dritten Teil noch Spaß. Einzig die Tatsache, dass Sprinten und Deckung auf dem gleichen Knopf liegen sorgt für gelegentliche Ungenauigkeiten in der Steuerung.

Dass die Mechaniken nach jahrelanger Produktion mit riesigen Budget glatt und präzise von der Hand gehen ist keine Überraschung sondern war zu erwarten – ebenso wenig wie zu erwarten ist, dass die Steuerung des kommenden Teils der Call of Duty Serie Mängel aufweist. Die Mainstream-Produkte der AAA-Industrie machen in der Regel schon Spaß und weisen technisch wenige Defizite auf, um das zu erfahren braucht es eigentlich kein Review. Die Frage, die sich mir eher stellt, bezieht sich auf den Mehrwert der Spielerfahrung. Bleibt nach rund sieben Stunden Single-Player irgendetwas hängen? Oder beschränkt sich das Erlebnis auf dieses bisschen leicht verdaulicher Unterhaltung?

That’s not what humans actually look like…

Nach GoW3 fühle ich mich wie beim Abspann von ‚Stirb Langsam 4.0‘, ich erinnere mich an ein paar Explosionen, ein paar aufregende Momente, weiß aber nicht mehr ganz genau, was eigentlich gerade passiert ist. Der Kern dieses Problems liegt dabei allerdings gar nicht unbedingt im dritten Teil der Serie, sondern schon in den vorherigen Spielen: Obwohl ich jeden Titel sowohl allein als auch im (äußerst unterhaltsamen) Split-Screen Co-Op durchgespielt habe, fühlte ich mich in Gears 3 von Beginn an verloren. Alle Charaktere ärgern sich spontan über das Erscheinen eines gewissen Prescotts – Prescott scheint irgendetwas verbrochen zu haben, alle Charaktere machen das in ihrem ablehnenden Verhalten deutlich, ich aber habe nicht die leiseste Erinnerung daran, wer Prescott war und was er verschuldet haben soll. Ein paar Minuten später geht es um den totgeglaubten Vater des Protagonisten – ebenfalls keine Erinnerung. Noch eine Stunde später taucht wiederum irgendeine Königin auf, mit der mich anscheinend auch Geschichte verbindet – und wieder nur Leere wo ein Aha-Moment sein sollte. Einzig bei der Referenz an den Tod der Lebenspartnerin eines der Muskelmänner klingeln leise ein paar Glocken.

Wieso kann ich mich an das alles nicht erinnern? Die Möglichkeit, dass Epic Games diese Plot-Points einfach spontan aus dem Ärmel geschüttelt hat lässt sich nach kurzer Online-Recherche verwerfen. Ebenfalls erscheint es mir nicht wahrscheinlich, dass mein Gedächtnis über die letzten Jahre so stark gelitten hat, dass ich mental nicht mehr in der Lage bin mir Dinge für einen Zeitraum von mehreren Monaten zu merken. Ich glaube die Quelle des Vergessens liegt im Spiel selbst, in den Charakteren die es zeichnet.

Epic Games machen die gleichen Fehler wie George Lucas mit den neuen Star Wars Filmen. Wie Red Letter Media in den ausführlichen Reviews der neuen Filme gezeigt hat, fehlen Personen wie Qui-Gon und Königin Amidala jede Tiefe. Da uns wenig bis gar keine Charakterisierung, das heißt Momente, in denen wir die Persönlichkeiten besser kennenlernen sehen, gezeigt werden, fällt es uns schwer, deren Eigenschaften und Besonderheiten herauszufinden und eine Identifizierung mit den Geschehnissen wird nahezu unmöglich. Egal ob der Protagonist Marcus gerade einen Kampf gewinnt oder um eine nahestehende Person trauert, er brummt irgendetwas Typisches aus dem Wortkoffer der Action-Klischees und geht zu seinem gewohnten Alltag über. Dabei ist er manchmal widerlich selbstgerecht und zeigt gelegentlich einen starken Mangel an Empathie, nie aber ist er freundlich oder hinterfragt Geschehenes. Da der Protagonist mit seiner Eindimensionalität absolut flach und beliebig wirkt, ist es kein Wunder, dass man als Spieler ‚Bullshit‘ murmelt, wenn in einer Cutscene auf einmal behauptet wird, er wäre „always the paragon, always moral“. Wenn die Charaktere charakterisiert werden sollen, muss das auch in den Handlungen deutlich werden, eine Aufgabe, der die Entwickler leider nicht gerecht geworden sind.

Der Grund für das Vergessen aller handlungsrelevanter Punkte der letzten GoW-Spiele liegt vermutlich in eben dieser Schwäche des Writings. Wenn die Autoren schon daran scheitern uns die einzelnen Hauptpersonen bekannt zu machen, kann uns das Geschehene nur egal sein.

Wer zur Hölle ist das?

Im dritten Teil der Serie hat Epic Games zudem erstmals Soldatinnen im Spiel implementiert. Die erste Frage, die mir dabei in den Sinn kommt ist die des Frauenbildes. Gerade Gears mit seinen absurden fluchenden Muskelklumpen diente mir immer als Beispiel für die vorherrschende Stellung männlicher Stereotype in Computerspielen. Leider haben die Autoren von Epic Games den gleichen Epic Fail (<- haha, seht ihr was ich da gemacht habe!?) wie bei ihren männlichen Figuren gemacht, sodass sich die Geschlechtsbilderfrage gar nicht beantworten lässt. Alle Protagonisten scheinen die Wut als einzige Emotion zu kennen, wirken, als hätten sie einen IQ von weniger als 80, verhalten sich wie egoistische Ärsche und lassen Charakteristika im Allgemeinen vermissen – egal ob Mann oder Frau, Hauptsache eindimensional. Vielleicht ist das aussparen glaubhafter Persönlichkeiten auch eine Art der Frage weiblicher Charaktere in Computerspielen zu begegnen: Wo nichts ist, kann auch nichts kritisiert werden. Angesichts der Rigidität der gezeigten Sterotype bin ich richtig erstaunt, dass sich das Spiel dabei auch im dritten Teil durchaus ernst nimmt, vielleicht war ich nur blind, aber über ein Augenzwinkern oder einen Witz der vierten Wand bin ich nicht ein einziges Mal gestolpert. Bei den nahezu lächerlichen Körperformen die uns vorgesetzt werden, wäre aber gerade ein Hinweis auf ein Bewusstsein des Quatsches eine schöne Abwechslung gewesen.

Gears of War ist dank der schwachen Erzählweise kein Drama in fünf Akten geworden. Ein Drama setzt voraus, dass die Handlung sich langsam aufbaut, an einem bestimmten Punkt wendet und am Ende eine neue Perspektive beleuchtet. Gears verzichtet auf einen solchen Aufbau und schmeißt uns sofort zwischen Explosionen und Monster, das wars. Akt eins bis fünf: KrachPengQuatschBumm, aber keine interessanten Charaktere oder überraschenden Wendungen. Dank des hohen Produktionswertes macht das ganze aber durchaus trotzdem ein paar Stunden lang richtig Spaß sodass Freunde von kurzweiliger Action-Unterhaltung auf ihre Kosten kommen sollten. Wer jedoch zum Weihnachtsgeschäft nach ein wenig Brain-Food sucht wird enttäuscht werden, das absurde Writing lässt keine ernsthafte Beschäftigung mit Gears of War zu, ja macht es dem Spieler paradoxerweise sogar schwer dem Plot auch nur zu folgen.

- earlmobileh | @earl_mobileh